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Das Wunder des Glaubens

von Pfarrer Thomas Gruber.

Und es geschah auf dem Weg nach Jerusalem: Jesus zog durch das Grenzgebiet von Samarien und Galiläa. Als er in ein Dorf hineingehen wollte, kamen ihm zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben in der Ferne stehen und riefen:
Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!

Als er sie sah, sagte er zu ihnen:
Geht, zeigt euch den Priestern!

Und es geschah, während sie hingingen, wurden sie rein. Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme. Er warf sich vor den Füßen Jesu auf das Angesicht und dankte ihm. Dieser Mann war ein Samariter.

Da sagte Jesus:
Sind nicht zehn rein geworden? Wo sind die neun? Ist denn keiner umgekehrt, um Gott zu ehren, außer diesem Fremden?

Und er sagte zu ihm:
Steh auf und geh! Dein Glaube hat dich gerettet.

Lukas 17,11-19

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Mitchristen, seit ich aus dem Urlaub Anfang September wieder zurück bin, habe ich eine interessante Bilanz in meiner Tätigkeit als Pfarrer: Ich habe eine Beerdigung, zwei Hochzeiten, zwei Krankensalbungen gemacht und nur viermal die Beichte abgenommen. Doch in den letzten knapp sechs Wochen habe ich neun (!) Taufen gespendet.

Eine schöne und erfreuliche Taufbilanz, die ich heute auch ein bisschen spirituell vertiefen möchte: Bei allen Tauffeiern sage ich bewusst allen Teilnehmern, nicht nur den Eltern: Der Glaube wird in der Taufe besiegelt. Und ganz wichtig ist mir dabei zu sagen, dass der Glaube immer auch ein Wunder ist. Der Glaube kann von uns nicht gemacht werden. Wie viele haben sogar den Wunsch, glauben zu wollen, aber er ist eben nicht auf Knopfdruck zu „produzieren“. Er ist ein Geschenk! Wenn ich beim Täufling Ohren und Mund berühre und dabei „Effata“ (Öffne dich) sage, erkläre ich dabei immer, dass echtes Hören und Sprechen immer ein Wunder ist. Echt hinhören zu können und immer die Worte zu treffen, die das Herz berühren, ist ein Geschenk göttlicher Wirkung. Echtes inneres „Hören und Reden“ ist nicht selbstverständlich.

Liebe Schwestern und Brüder, der Glaube will helfen, glücklich zu leben. Der Glaube ist immer ein Geschenk, und bleibt auch immer ein Wunder. Das heutige Evangelium kann mit diesen „Aussagen“ auch so gelesen werden: Jesus sagt heute, nachdem er zuerst zehn Aussätzige geheilt und dann den Dank von einem der zehn entgegengenommen hat: Dein Glaube hat Dich gerettet! Der Glaube ist ein hilfreiches Geschenk.

Das heutige Evangelium hat also die Überschrift über die Geschichte an das Ende des Textes gesetzt. Die Geschichte erzählt in ihrem gesamten Verlauf über Einzelteile des Glaubens, damit dieser auch hilfreich sein kann.

Der Evangelist Lukas zählt einige Grundbausteine in dieser seiner Wundergeschichte auf:
Das erste Element des Glaubens wird mit der Heilung der zehn Aussätzigen geschildert: Glaube ist zunächst sehr heilsam. Der Aussatz – heute in Mitteleuropa als Krankheit kaum mehr bekannt – war eine Hautkrankheit, die den Menschen in eine Isolation geführt hat, sogar in eine religiöse Isolation. Wenn Jesus sie nach ihrer Bitte um Heilung zu den Priestern schickt, dann heißt das, dass diese Menschen absolut ausgeschlossen waren, auch von den religiösen Dingen. Sie waren quasi tot, auch wenn sie noch lebendig waren und „unrein“ rufen mussten, wenn sich Menschen ihnen nährten.

Die „Isolation“ ist auch heute noch eine Grundkrankheit, die uns vielleicht gar nicht mehr so bewusst ist. Bei Isolation meine ich nicht „Einsamkeit“; denn es gibt viele Menschen, die sind/fühlen sich irgendwie nicht „einsam“, sind aber trotzdem „isoliert“. Damit meine ich, es gibt da keine Kommunikation mehr, richtiger Austausch ist nicht mehr möglich, es gibt nur noch Missverständnisse, von Wertschätzung keine Spur. Das Ganze lässt sich nur noch damit beschreiben, dass ein isolierter Mensch mit dem Leben selbst nicht mehr in Verbindung steht.

Jesus will nicht die Isolation und schon gar nicht den Tod. Leben und Auferstehung sind seine Programmpunkte. Der Glaube ist das Wunder, am Leben selbst und am Leben mit Jesus teilhaben zu können.

Sich mit dem Leben zu verbinden und damit auch schon „Ewiges Leben“ zu spüren, braucht schon auch ein bisschen Mut. Die zehn im heutigen Evangelium sind dann auf das Wort Jesus hin mutig aufgebrochen, um sich zu zeigen. Sie wurden rein und damit geheilt. Das heißt für heute, dass jeder auch „innerlich“ Willen und Mut geschenkt bekommen darf. Einen Willen, der einen zeigt, wo seine seelischen Isolationen sind, damit sie dann geheilt werden – Dinge, die man oft nicht wahrhaben will. Der Glaube will uns dem Leben mit Jesus entgegenführen.

Das zweite Element des Wunders „Glaube“ zeigt uns dann der eine aus Samarien, der von den zehn zum Danken zurückgekehrt ist.

Das ist das zweite Wunder heute, find ich, ein Wunder, wo man sich jetzt fragen kann: Ist das auch ein Wunder? Ja! Ich würde sogar sagen: „Sehr deutlich“ sogar!

Es ist die Dankbarkeit, die hier als Wunder von Jesus noch einmal herausgestellt wird.

Wenn da nur einer zu Jesus umkehrt, um „Danke“ zu sagen, dann will ich daraus schließen: Diese tiefliegende Dankbarkeit ist für den Glauben 10 mal genauer wahrzunehmen. Dankbarkeit ist nicht selbstverständlich. Auch sie ist ein Wunder und sie gehört in die Herzkammer des Glaubens (hinein).

Dass es ein „Samariter“ ist, der hier so dankbar ist, ist natürlich auch eine Aussage über den Glauben – in seiner Tiefe: Samariter waren damals an sich schon „Aussätzige“, weil sie nicht zu den eigentlichen Juden gehörten. Dies will also noch einmal betonen, wie grenzüberschreitend der Glaube in seinen Grundfesten sein will.

Das Wunder des Glaubens ist, das Herauskommen aus einer Grundisolation und die Verbindung mit dem Ewigen Leben durch Gott, die Kommunikation mit Gott, dem Lebensgeber selbst. Und, das Wunder des Glaubens ist auch die grenzüberschreitende Dankbarkeit. Diese Dankbarkeit lässt auch den Geheilten mit sehr lauter Stimme Gott loben, wie es heute im Lukasevangelium heißt. Der Evangelist Lukas lässt viele Menschen mit schönen Lobgebeten Gott im Glauben preisen. Lukas hat uns viele Lobgebete überliefert, um wie der Geheilte Gott im Glauben laut zu loben (Benediktus, Magnificat, Nunc dimittis, Vaterunser). Die Taufe ist der stärkste Ausdruck unseres Glaubens.

Schön, wenn es viele Taufe (noch) gibt, und möge uns der Glaube in der Dankbarkeit der Lobgebete immer präsent sein. Amen.

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