Große Pfingstpredigt 2021

von Pfarrer Thomas Gruber (ursprünglich gehalten am 4. Juni 2006 im Fernsehgottesdienst des BR).

Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen:
Friede sei mit euch!

Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen.

Jesus sagte noch einmal zu ihnen:
Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen:
Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.

Johannes 20, 19-23

Wie ist der Heilige Geist eigentlich zu verstehen? Wie kann er erklärt werden?

Liebe Mitfeiernde dieses Pfingstgottesdienstes!
Der Heilige Geist ist die dritte Person in der Göttlichen Dreifaltigkeit. Er gehört also nicht zum „Glaubensluxus“. Er ist ein unverzichtbares Gut der Kirche. Doch es war nie ganz einfach, ihn auch richtig zu begreifen. Pfingsten als Feiertag mag ihn zwar im Ablauf des Jahres hervorheben. Doch vielerorts wird er nicht mehr wahrgenommen. Bei uns in Bayern ist er den Schulkindern herzlich willkommen. Es gibt hier die zweiwöchigen Pfingstferien; doch wenn dann gefragt wird, was Pfingsten bedeute, bekommt man die eigenartigsten Antworten. Bei einer Umfrage vor einigen Jahren konnte man sogar lesen, es werde an diesem Tag der „Geburtstag des Heiligen Nikolaus“ gefeiert.

Der Heilige Geist ist nicht leicht zu erfassen.

Im Glauben der Kirche haben sich die Menschen schon seit jeher leichter getan, sich „Gottvater“ und „Gottsohn“ vorzustellen. Aber wie kann man sich den Heiligen Geist vorstellen? Das schönste Symbol, das für den Heiligen Geist steht, ist die Taube: Dieser weiße Vogel, welcher der Gesellschaft als Friedensbote gilt und in keiner Kirche als Darstellung des Geistes fehlen darf. Die Taube als das Zeichen des Heiligen Geistes möchte ich mir heute als „Helfer“ entleihen, um in dieser Pfingstpredigt mit Ihnen meine Gedanken zur dritten Person der göttlichen Dreifaltigkeit zu teilen.

Die Taube diente den Evangelisten als Zeichen bei der Taufe Jesu im Jordan, als Gottvater Jesus als seinen geliebten Sohn offenbarte und ihn so mit dem Geist salbte: Die Liebe zwischen „Gottvater“ und „Gottsohn“ bringt also den Heiligen Geist hervor!

Das Bild der Taube kann uns eine gute Hilfestellung dabei geben, die Wirkungen und Kräfte dieses Geistes besser zu erfassen: Wie eine Taube steigt Gottes Geist als seine Liebe zur Welt herab, und wie eine Taube hebt der Geist die Menschen im Glauben auch zu Gott hinauf.

Das Symbol der Taube mag uns aufzeigen, dass Gott uns durch seinen Geist das Fliegen beigebracht hat. Ich gebe zu, ein sicherlich verwegener Gedanke, den Geist als Fluglehrer unserer Seele heranzuziehen; doch dabei klingen mir Worte unseres ehemaligen Papstes Benedikt im Ohr, der selbst – noch als Kardinal – in einem Interview von den Fähigkeiten unserer Seele gesprochen hat. „Auch wir können fliegen!“ sagte er und versinnbildlichte damit die Wirkungen des Geistes für unsere Seele. 

In der bekannten Pfingstlesung aus der Apostelgeschichte haben wir gehört, wie die Jünger in neuen Sprachen redeten. Sie waren in den Mauern ihrer alltäglichen Sorgen und ihrer Bedenken gefangen. Erst der Geist gab ihnen den Mut, seelisch zu fliegen. Sie überflogen die Barrieren ihrer Angst. Das Johannesevangelium heute berichtet Ähnliches: Der auferstandene Jesus hob seine Jünger aus der Bedrückung und aus den alltäglichen Sorgen heraus. Er half ihnen, die einengenden Mauern der persönlichen Bedenken, Ängste, Sorgen und Absicherungen zu überfliegen und damit zu überwinden. Und so hat es der Heilige Geist über Jahrhunderte weiter getan. Durch die Kraft des Glaubens wirkt er bis heute und hebt die Menschen über die Landschaft ihres Lebens, ihrer egoistischen Weltschau, und möchte sie den höheren und weiteren Sphären des Seins in der Gemeinschaft der Kirche Gott entgegenführen.

„Unsere Seele kann fliegen“. Es mag so sein, wie es von einem hohen Berg oder einem Flugzeug aus erfahren werden kann. Das Auge wird von Begeisterung erfüllt, weil es alles von einer höheren Stelle aus überblickt! Die kleinen Dinge auf dem Boden werden relativ. Der Überblick über das Ganze gibt eine andere Sicht: Was im Alltäglichen sieht man nicht alles als wichtig an? Was kann einen nicht alles in Rage bringen? Die Seele gewinnt jedoch durch die Kraft des Geistes an Höhe. Der Geist löscht die Dinge am Boden, das heißt die Dinge des Alltags, nicht aus; doch er nimmt viel an Angst und „Kleinkariertheit“! Die Begeisterung eines Höhenfluges lehrt einen, Unwichtiges von Wichtigem zu unterscheiden. Der Geist gibt Gelassenheit und Ruhe, wenn man im Flug des Glaubens sein Leben überblicken kann.

Der Heilige Geist, liebe Schwestern und Brüder, ist aber auch Unruhestifter. Wer von der Höhe aus erkennt, worauf es im Leben ankommt, wird dort unruhig, wo Andere wenig oder noch gar nichts sehen. Der Geist gibt auch den Mut, Dinge zu tun, die man nicht täte, wenn man nur am Boden des Alltäglichen leben würde. Viele Heilige haben erst durch den Geist den Mut bekommen, für den Glauben und die Wahrheit einzutreten, in ein anderes Land zu gehen oder auch ihr Leben einzusetzen.

Uns möge der Geist doch wenigstens den Mut geben, so manche kleine Mauer aus Unversöhntheit und Alltagssorge zu überfliegen und den Glauben bewusster, offener und vertiefter zu leben!

Gerade der Heilige Apostel Paulus beschreibt seinen Flug mit dem Geist in der Lesung aus dem Galaterbrief für uns sehr anschaulich: Er war ergriffen von der Begegnung mit Christus, und dessen Geist ließ ihn alte Mauern überfliegen. Zuerst war er als Saulus ein verbissener Verfolger und nun ist er als Paulus ein begeisterter Verehrer Christi. Es gibt keine Trennungen mehr! Die Grenzen sind überwunden! Alle sind einer in Christus. Jenseits alter Barrieren erkennt sein vom Geist erhobenes Auge nun die eigentlichen Ziele: Die Früchte des Geistes sind Liebe, Freundlichkeit, Friede, Langmut, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung. Dem gegenüber sieht er mit Deutlichkeit, was entsteht, wenn man sich nicht auf das Fliegen mit dem Heiligen Geist einlässt und nur unten bleiben will: „Feindschaft, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Neid und Missgunst“. Er nennt sie Werke des Fleisches!

Liebe Mitfeiernde!
Die Kirche hat von Anfang an diesen Geist als den göttlichen „Lebensspender“ und den „Heiligmacher“ geglaubt. Seine Flüge beleben, ja „begeistern“ die Seele und bringen sie auf die (ihr von Gott zugedachte und je eigene) Flughöhe der Heiligkeit. Sicherlich ist das Fliegen immer ein Wagnis. Der Geist möge jeden davor bewahren, es zu übertreiben. Er schenke immer auch in der Gemeinschaft der Kirche das nötige Fingerspitzengefühl, die „Bodenhaftung“ nicht zu verlieren und den Anderen davon zu fliegen. Doch das Wagnis bleibt. Der Boden der eigenen Sicherheiten muss verlassen werden. Kardinal Newmen sagte einmal: „Der Adel unseres Glaubens ist gerade, ein Herz zu haben, etwas zu wagen“ – sich wohl bewusst, wie unverzichtbar und sensibel zugleich die Kraft des Geistes für unser Leben ist.

Der Geist ist und bleibt für uns immer die Triebfeder des Glaubens, aller Glaube wäre nur monotones Traditionschristentum, sozusagen „Dienst nach Vorschrift“, ohne Leben, Bewegung und Liebe, würde es die begeisterten Höhenflüge nicht geben. Er überfliegt so die vielen Mauern unseres Lebens und schenkt Vergebung. Er ist unverzichtbar. Lassen wir uns von ihm beleben!

Amen.