Ich bin das Brot des Lebens

von Gemeindereferent Anton Huber.

Als die Leute sahen, dass weder Jesus noch seine Jünger dort waren, stiegen sie in die Boote, fuhren nach Kafarnaum und suchten Jesus.

Als sie ihn am anderen Ufer des Sees fanden, fragten sie ihn:
Rabbi, wann bist du hierhergekommen?

Jesus antwortete ihnen:
Amen, amen, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid. Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn euch geben wird! Denn ihn hat Gott, der Vater, mit seinem Siegel beglaubigt.

Da fragten sie ihn:
Was müssen wir tun, um die Werke Gottes zu vollbringen?

Jesus antwortete ihnen:
Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat.

Sie sagten zu ihm:
Welches Zeichen tust du denn, damit wir es sehen und dir glauben? Was für ein Werk tust du? Unsere Väter haben das Manna in der Wüste gegessen, wie es in der Schrift heißt: Brot vom Himmel gab er ihnen zu essen.

Jesus sagte zu ihnen:
Amen, amen, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. Denn das Brot, das Gott gibt, kommt vom Himmel herab und gibt der Welt das Leben.

Da baten sie ihn:
Herr, gib uns immer dieses Brot!

Jesus antwortete ihnen:
Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.

Johannes 6,24-35

Wenn wir heute raus auf die Felder schauen, sehen wir, dass die Getreideernte gerade voll im Gang ist. Die Wintersaaten sind zum Teil schon abgeerntet, die Sommergetreide brauchen noch einige sonnige Tage zum Reifen. Unsere Böden hier sind so fruchtbar, dass wir von der Natur überreichlich beschenkt werden und keine Hungersnot fürchten müssen. Mit unseren Ernten kommen wir leicht über den Winter. Wir haben so viel Getreide, dass ein Teil inzwischen in Biogasanlagen in Strom umgewandelt wird oder direkt zur Wärmeerzeugung verheizt wird.

Davon können die meisten Menschen auf der Erde nur träumen. Vor gut 20 Jahren war ich in einem Bus nach Marakesch unterwegs. Marakesch liegt in Marokko am Rande der Sahara und gilt als eine der fruchtbarsten Oasen in der Gegend. Vor der Stadt sind wir an einem großen Getreidefeld vorbeigefahren. Vom Bus aus habe ich aber nur den steigen Boden sehen können, die Getreidehalme waren so vereinzelt über die Fläche verteilt, dass sie nur als leichter Flaum über dem Boden zu sehen waren. Das tägliche Brot ist hier nicht selbstverständlich, die Menschen wissen seinen Wert noch mehr zu schätzen als unsere Überflussgesellschaft.

Jesus sind viele Menschen gefolgt, die kaum das Nötigste zum Essen hatten. Es klingt schon fast sarkastisch, diesen Armen zu sagen: Nicht vom Brot allein lebt der Mensch.

Das es Wichtigeres gibt als die tägliche Nahrungsaufnahme kann ich keinem erzählen, der hungert und der nicht weiß, wie er seine Familie über den Tag bringen soll. Für dieses Dilemma hat uns Jesus im Evangelium letzten Sonntag schon die Lösung aufgezeigt: Teile, was Du hast, dann reicht es für alle!

Die meisten Menschen bei uns haben keine Not am Brot. Unser wichtigstes Grundnahrungsmittel steht in unzähligen Sorten und Varianten täglich frisch zur Verfügung. Wir wissen aber auch, dass es mit der Befriedigung der materiellen Bedürfnisse nicht getan ist. Was wir zum wahren Menschsein auch brauchen, sind unsere Beziehungen zueinander, die unserem Leben einen tieferen Sinn geben: die die Nähe, das Füreinander da sein, die Liebe. Gerade die massiven Einschränkungen unserer Kontakte während der Pandemie hat uns gezeigt, wie wichtig auch diese immateriellen Dinge für ein glückliches Leben sind.

Viele junge Leute leiden unter den Ausgangssperren, weil sie sich nicht mit Freunden treffen können oder neue Bekanntschaften erleben können.

Viele Menschen in Krankenhäusern und Altenheimen empfinden ihr Dasein als Inhaftierung, weil sie keine oder nur sehr stark reduzierte Besuche bekommen dürfen. Allein gelassen will keiner werden, manche sind an Einsamkeit gestorben, nicht wegen dem Virus.

Beziehungen sind so notwendig wie das tägliche Brot, zu spüren, wofür ich lebe, was der Sinn meines Seins ist und ob genug an Liebe für mich da ist und Menschen da sind, denen ich meine Liebe schenken kann. Diese Grund-Frage ist elementar menschlich. Sie war den Menschen zur Zeit Jesu genauso präsent wie uns heutigen.

Ein bekannter Pfarrer aus München hat das Problem des Zölibats so beschrieben: Es geht nicht darum, dass jemand da ist, der für mich kocht, sondern darum, dass ich nicht alleine essen muss.

Ein gemeinsames Mahl verbindet und verstärkt menschliche Beziehungen.
Von diesem Grundbedürfnis spricht Jesus, wenn er sich selbst als Brot anbietet, das für immer satt macht, das nicht nur den Hunger des Leibes stillt, sondern den Lebenshunger. Jesus mutet seinen Hörern zu, dass sie trotz ihres leiblichen Hungers eine Antenne haben für den umfassenderen Hunger, den es zu stillen gilt.

Wenn Jesus sich selbst als Brot anbietet, das den Lebenshunger stillt, geht es vor allem um diese andere Dimension der Nahrung: Zuwendung, Geborgenheit, Kommunikation. Eine Atmosphäre, die uns leben lässt. Jesus hat uns vorgelebt, wie Menschen einander zum Brot werden können. Er lebte ganz den Menschen und ganz Gott zugewandt und hingegeben.

Jesu Ruf zur Nachfolge fordert uns heraus, dass wir – wie er – einander Brot werden, das satt macht.

So wünsche ich uns allen den Mut, uns immer wieder neu darauf  einzulassen. Dazu begleite uns Gottes Segen.