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Missbrauch trifft mitten ins Herz

Das nachfolgende Interview mit Pfarrer Msgr. Dr. Thomas Frauenlob wurde von Kilian Pfeiffer geführt. Erschienen ist es am 20. Februar 2022 im Berchtesgadener Anzeiger.

Monsignore Dr. Thomas Frauenlob, Pfarrer in Berchtesgaden, hat lange Zeit im Vatikan gearbeitet. Er ist mit Papst em. Benedikt XVI. seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden. Im Interview gibt er Einblick in seine Gedanken zur Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens und der daraus resultierenden Folgen.

Verstehen Sie die Wut und Enttäuschung vieler Gläubigen?

Monsignore Dr. Thomas Frauenlob:
Ich bin selbst enttäuscht und wütend. Die üblen Täter im Kleid kirchlicher Amtsträger beschämen mich zutiefst. Alles muss sorgsam aufgearbeitet werden. Die Opfer müssen daran beteiligt und entschädigt werden – so gut das mit Geld möglich ist. Ihr Leid steht für mich im Vordergrund.

Angesichts dessen betrübt es mich, dass nun die Aufmerksamkeit der Medien sich auf den früheren Papst und unseren Kardinal konzentriert. Dies wegen der wenigen, wenn auch folgenschweren, Fehlentscheidungen, die ihnen unterlaufen sind. Das verzerrt die Wirklichkeit und hat die erstaunliche Wirkung, dass wir mittlerweile kaum mehr über die eigentlichen Täter sprechen und den Opfern gerecht zu werden versuchen, sondern nur noch über die – aufgrund heutiger Erkenntnis – fatale Behandlung der wenigen Einzelfälle diskutieren, die auf den Schreibtischen dieser Verantwortungsträger gelandet sind. Beide haben sich dafür entschuldigt und ihr tiefes Bedauern ausgedrückt.

Verstehen Sie Katholiken, die seit einigen Wochen aus der Kirche austreten wollen?

Frauenlob:
Natürlich verstehe ich die Enttäuschung. Ich kann nachvollziehen, wenn Menschen in dieser jetzigen Empörungswelle sagen: ‘Ich will mit dem Verein nichts mehr zu tun haben’. Aber die Kirche ist kein Verein und weit mehr als nur ein bloßer Missbrauchskomplex – auch wenn dies derzeit so erscheinen könnte. Die Kirche ist eine starke Gemeinschaft von 1,2 Milliarden katholisch Getauften. Da sind eklatante Fehler gemacht worden – nicht nur – durch diejenigen, die Verantwortung trugen. Aber auch ihnen darf man zugestehen, dass sie kaum bewusst böswillig falsch gehandelt haben. Kirche ist mehr: Sie ist ein weites Geflecht an Aktivitäten, Verkündigung des Evangeliums, soziales Engagement, Bewahrung von Bewährtem, geistige und geistliche Heimat für viele Menschen, letzte Rückzugsmöglichkeiten in existenzieller Not. In der Hitze des Gefechts und unter dem Schock der Vergehen sollte man das nicht vorschnell aus dem Blick verlieren. Wer jetzt aus verständlicher Empörung die Kirche verlässt, dem wird sie vielleicht auf den großen Stationen des Lebens – Taufe, Begleitung von Kindheit und Jugend, Heirat, Krankheit und Tod fehlen. Eine Gemeinschaft ist schneller verlassen als eine neue gefunden.

Inwiefern ist die Aufarbeitung des Skandals Thema in Ihrer Gemeinde?

Frauenlob:
In den Fürbitten ist das Thema präsent, in meinen Predigten nach Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens habe ich Stellung genommen. Dabei ist sofort gespannte Stille im Kirchenraum entstanden. Missbrauch trifft mitten ins Herz! In einer Pfarrgemeinde, in der man aufwächst und am Leben teilnimmt, erwartet man nichts Böses. Priester genossen ein gewisses Grundvertrauen, das jetzt beschädigt ist. Umso größer und bitterer ist dann die Enttäuschung. Wir müssen in der Analyse feststellen: Nach 2010, der ersten großen Welle in Deutschland, haben die Verantwortlichen zu sehr auf Zeit gespielt, statt gründlich und konzertiert Aufarbeitung voranzubringen. Das Desaster ist ein Ergebnis davon. Doch wurden auch wirksame Maßnahmen ergriffen, was viele nicht auf dem Schirm haben. In jeder Pfarrgemeinde der Erzdiözese München und Freising wurde ein ganzer Katalog von präventiven Maßnahmen ergriffen, um Missbrauch im kirchlichen Umfeld zu verhindern. Alle fünf Jahre musste seither jeder haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen, eine Selbstauskunft unterschreiben. Als Mitarbeiter/in der Seelsorge musste jeder Online-Schulungen mit Prüfung absolvieren, um sensibel für das Thema zu werden. Für alle pfarrlichen Gruppen und Veranstaltungen gibt es konkrete Präventionskonzepte, die auf der Homepage einsehbar sind. Die Kirchenverwaltungen haben in Prävention geschulte Personen bestellt und für die Erzdiözese gibt es eine zentrale – und neutrale – Stelle mit externen Missbrauchsbeauftragten, an die sich Menschen jederzeit wenden können. Wir tun also das Menschenmögliche auf allen Ebenen. Meiner Kenntnis nach leistet Kirche da derzeit Pionierarbeit, denn Missbrauch ist ein gesellschaftliches Problem, das überall da auftritt, wo es Machtgefälle zwischen Menschen gibt: Im Sport, in Schule, in Heimen, nicht zuletzt in Familien. Der Religionsexperte der SPD im Bundestag, Lars Castellucci, weist zurecht darauf hin. Er schlägt eine gesetzliche Regelung vor, die die Aufarbeitung von Missbrauch in allen gesellschaftlichen Bereichen unter Mitwirkung staatlicher Stellen vorsieht. Das ist nur zu begrüßen! Man sollte sich aber im Klaren sein, dass Missbrauch bei aller Vorsicht auch in Zukunft nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann, wohl aber nach Kräften erschwert werden muss.

Bemerken Sie nach der Veröffentlichung des Gutachtens Gesprächsbedarf?

Frauenlob:
Natürlich gibt es Gesprächsbedarf, meist nach einer Phase der Sprachlosigkeit. Ich finde es wichtig, dass die Prüfungsergebnisse der Akten von 1945 bis 2019 unter Hinzuziehung von Zeitzeugen nun auf dem Tisch liegen. Ich selbst habe das Gutachten mit seinen rund 1800 Seiten größtenteils gelesen. Es ist erschütternd und deprimierend, was darin beschrieben wird. Heute wissen wir, dass die Prioritäten falsch gesetzt waren: Zunächst die Wahrung der Reputation der Institution Kirche, mit den Tätern wird irgendwie zwischen Bestrafung und Weiterbeschäftigung gearbeitet, aber die Opfer bleiben weitgehend außen vor – das erschüttert. Das hätte nicht passieren dürfen und dafür muss man sich zutiefst entschuldigen und die Betroffenen ernst nehmen und ihnen – sofern heute noch möglich – Gerechtigkeit verschaffen. Besonders beschämend ist, dass nicht selten den Opfern die Täterrolle zugeschoben wurde.

Wo steht die Katholische Kirche in dieser Zeit?

Frauenlob:
Wir befinden uns in einer veritablen Krise und in einem gewaltigen Lernprozess. Einerseits ist durch die Krise ein Raum entstanden, Missbrauch aus dem Tabu des „Nicht-darüber-Redens“ zu holen und damit der Realität näher zu kommen. Es gibt aufrichtige Bemühungen, die Betroffenen in die Mitte zu stellen, ihnen zuzuhören und ihnen so gut es geht gerecht zu werden. In diesem Prozess sind die unabhängigen Anlaufstellen und Betroffenenbeiräte ein Segen. Wie bereits gesagt, haben wir als Kirche auch dazugelernt und Maßnahmen entwickelt.

Was uns eindeutig nicht gelungen ist, ist eine gewisse Gleichzeitigkeit im Handeln aller 27 Bistümer in Deutschland. Zwar gibt es gemeinsame Richtlinien des Vorgehens bei Missbrauchsfällen, aber letztlich ist jeder Bischof unmittelbar dem Papst verantwortlich und handelt im Grunde unabhängig von den anderen Bischöfen. Einige waren entschiedener im Vorgehen als andere. Die Vielstimmigkeit und Uneinigkeit befeuert den Krisenmodus. Ein konzertiertes Vorgehen lässt auf sich warten. Das verunsichert in einer sich ohnehin massiv verändernden Gesellschaft zusätzlich. Hier vor Ort ist es meines Erachtens wichtig, die Aufgaben möglichst gut, verlässlich und unaufgeregt zu tun. Qualität geht dabei vor Quantität, blinder Aktivismus hilft niemandem.

Papst Benedikt XVI hat sich öffentlich entschuldigt. Das hat sehr lange gedauert…

Frauenlob:
Er hat sich in der Vergangenheit immer wieder entschuldigt. 2005 hat er in seiner Kreuzwegmeditation angesichts seines Wissens als Präfekt der zuständigen Glaubenskongregation schonungslos vom „Schmutz in der Kirche“ durch Priester gesprochen. Als Papst hat er sich in New York erstmals mit Missbrauchsopfern getroffen, sich dem Grauen und der Beschämung ausgesetzt und in vielen Ansprachen und Schreiben diese schreckliche Wirklichkeit benannt und sich entschuldigt. Als Präfekt hat er den unzureichenden Umgang mit Missbrauch in der Kirche in den Diözesen erkannt und ist aktiv dagegen vorgegangen, indem er eine eigene Stelle dafür eingerichtet hat, ab 2001 mussten die Fälle in Rom gemeldet und juristisch behandelt werden. Dabei konnte er aber nicht völlig autonom agieren. Als Kardinal unter anderen musste er manch anderen die Kompetenz erst abringen, um tätig zu werden.

Hinsichtlich des Münchner Gutachtens stand er mit einer Stellungnahme unter gewaltigem Zeitdruck und benötigte Unterstützung, immerhin ist er fast 95 Jahre alt. Wie wir nun aus seinem zweiten Schreiben wissen, sind bedauerliche Fehlinformationen passiert, die umgehend als solche deklariert wurden. Lüge ist etwas anderes: Sie hieße, bewusst wider besseres Wissen etwas zu sagen. Das geben die Fakten im Gutachten nicht her und es ist absolut absurd, ihm das zu unterstellen. Seine nun erfolgte Antwort ist in Duktus und Stil er selbst. Mehr als entschuldigen und sein Bedauern zum Ausdruck bringen, kann er nicht. Verschiedene Stimmen fordern „Konsequenzen“ von ihm. Was soll er denn tun? Er ist jahrzehntelang gegen Missbrauch in der Kirche vorgegangen, hat das Leid der Opfer empathisch wahrgenommen und ist, als er nicht mehr genug Kraft hatte, vom Papstamt zurückgetreten. Soll er sich im Rollstuhl in den Tiber stürzen? Die von ihm schon früher festgestellte „sprungbereite Feindseligkeit“ zeigt momentan eine Dynamik, die einen Skandal will, ungeachtet der Tatsachen. Papst Benedikt der Lüge zu bezichtigen, ist schlicht anhaltlos und ungerechtfertigt. Das kann jeder sehen, der genauer hinschaut.

Was sollte mit Priestern passieren, die sich des Missbrauchs schuldig gemacht haben?

Frauenlob:
Der eine Ansatz ist: Sie werden suspendiert. Papst Benedikt XVI. hat während seines Pontifikats knapp 500 Priester und fast 90 Bischöfe und Kardinäle entlassen, ihnen zum Teil die Weihe aberkannt, anderen die Kardinalwürde entzogen. So etwas gab es in der Kirchengeschichte wohl noch nie. Der andere Ansatz ist, dass Priester, unter strikten Auflagen, im „Betrieb“ und damit im Gehorsam gegenüber dem Bischof gehalten werden, um die Öffentlichkeit vor ihnen zu schützen. Galt Pädophilie in den 1980er Jahren noch als therapierbar, so ist heute klar: Die Praxis des Versetzens ist keine Lösung. Sie kann zur Katastrophe werden. Gibt es eine Anschuldigung muss zunächst gründlich und umfänglich untersucht werden, was Fakt ist – und zwar zeitnah. Danach sind die Konsequenzen zu ziehen bis hin zur Suspendierung.

Priester sind auch Menschen und Bürger. Im Verdachtsfall sollte auch für sie zunächst die Unschuldsvermutung gelten. Vielleicht wäre der beste Weg, in Deutschland eine Kommission einzusetzen, die einesteils garantiert, dass die Fälle objektiv behandelt werden, und andererseits kirchliche Stellen in der rechtsstaatlichen Untersuchung unterstützt. Eine Kultur des Hinschauens muss gestärkt werden, aktuell gibt es noch zu oft die Kultur des Wegschauens, übrigens nicht nur von Verantwortlichen.

Sie kennen den emeritierten Papst Benedikt seit vielen Jahrzehnten…

Frauenlob:
Ja, das ist richtig, seit mehr als 40 Jahren. 1981 bin ich ihm zum ersten Mal begegnet, als Student in Rom, in den 1990er Jahren dann immer wieder mal. Richtig kennengelernt haben wir uns bei seinen Weihnachtsaufenthalten im Studienseminar in Traunstein, wo ich neun Jahre lang Direktor war. Wir pflegen seitdem ein freundschaftliches Verhältnis.

Von 2006 bis 2013 arbeitete ich in Rom beim Heiligen Stuhl, der weltweiten Kirchenverwaltung. Ich arbeitete an der Bildungskongregation, einer der neun – man würde vergleichsweise sagen Ministerien des Vatikans. Wir waren knapp 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verschiedener Muttersprachen, zuständig für rund 1700 katholische Universitäten und 250.000Schulen – unter anderem. Die sieben Jahre in Rom unter einem Landsmann als Papst waren eine spannende und intensive Zeit. Hin und wieder traf man sich auch privat mit dem Papst, wobei seine Zeit für Privates natürlich sehr knapp bemessen war. Man kann nicht einfach an der Tür klingeln und spontan mal zum Kaffee mit dem Papst aufkreuzen.

Anerkennung von Leid: So bezeichnet die Kirche die finanziellen Mittel, die Missbrauchsopfern gezahlt werden. Abgesehen von der schrägen Bezeichnung: Sind die Summen nicht viel zu gering, die die Kirche zahlt?

Frauenlob:
Die etwas ungelenke Bezeichnung soll zum Ausdruck bringen, dass das oft schreckliche Leid der Opfer schlicht nicht wieder gut zu machen ist. Die Beträge sind übrigens nicht allein seitens der Kirche so festgesetzt, sondern auch in Abstimmung mit staatlichen Stellen. Denn man muss davon ausgehen, dass die Thematik Missbrauch auch in Einrichtungen der Kinder- und Jugendfürsorge des Staates oder etwa in Schulen gegenwärtig ist oder noch kommen wird. Unterstützung von Therapien werden zudem jenseits der „Anerkennung“ geleistet. Eigentlich müssten hier auch die Täter mehr zur Verantwortung gezogen werden.

Müsste nicht spätestens jetzt der Zölibat infrage gestellt werden?

Frauenlob:
Der Zölibat war wohl immer schon für manche ein Ärgernis und wird ständig hinterfragt. Er ist aber eine freie Entscheidung des einzelnen. Sehr schnell wird jetzt eine unmittelbare Kausalität zwischen Zölibat und Missbrauch postuliert. Ich möchte daran erinnern, dass sich statistisch 95% der Missbrauchsfälle in Familien ereignen, wo der Zölibat bekanntlich keine Rolle spielt. Von zentraler Bedeutung ist, ob der zölibatär lebende Mensch eine gereifte Persönlichkeit ist und er in dieser Art zu leben, Erfüllung findet. Das muss während der Ausbildung existenziell, geistig und geistlich geklärt werden. Wenn ich nicht zölibatär leben kann oder nur unter größten Anstrengungen, dann bin ich unter den jetzigen Bedingungen zum Priestertum nicht geeignet. Vielleicht erstrebt der eine oder andere das zölibatäre Leben als Flucht vor der Wirklichkeit. Wer es deswegen sucht, sollte besser die Finger davon lassen,

Vielleicht wurden die Anwärter in der Ausbildung zu sanft angefasst, nicht nachdrücklich genug damit konfrontiert. Vielleicht wurde seitens der Verantwortlichen unter dem Diktat der Zahl zu oft ein Auge zugedrückt. Hier zeigt sich enormer Handlungsbedarf. Künftig müssen mehr Fragen erlaubt sein: Vielleicht sind die Leute zu separiert? Eventuell werden sie zu sehr hofiert und nicht entsprechend herausgefordert, um sich die Frage, ob ein zölibatäres Leben möglich ist, selbst beantworten zu können? Selbstverständlich sollten auch psychologische Mittel zum Einsatz gebracht werden. Wer Priester sein möchte, benötigt eine Berufung dazu, eine gewisse Fähigkeit allein zu leben, aber nicht als Mangelexistenz, sondern um freier zu sein für den Dienst in der Kirche. Nur wer selber begeistert ist, kann andere begeistern.

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