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Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit

von Pfarrer Thomas Gruber.

Weiter sagte Jesus:
Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater:
Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht!

Da teilte der Vater das Vermögen unter sie auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen. Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er begann Not zu leiden. Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon.

Da ging er in sich und sagte:
Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Brot im Überfluss, ich aber komme hier vor Hunger um. Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner!

Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von Weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.

Da sagte der Sohn zu ihm:
Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.

Der Vater aber sagte zu seinen Knechten:
Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt einen Ring an seine Hand und gebt ihm Sandalen an die Füße! Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn dieser, mein Sohn, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.

Und sie begannen, ein Fest zu feiern. Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz. Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle.

Der Knecht antwortete ihm:
Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn gesund wiederbekommen hat.

Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu.

Doch er erwiderte seinem Vater:
Siehe, so viele Jahre schon diene ich dir und nie habe ich dein Gebot übertreten; mir aber hast du nie einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.

Der Vater antwortete ihm:
Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber man muss doch ein Fest feiern und sich freuen; denn dieser, dein Bruder, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.

Lukas 15,11-32

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Mitchristen am heutigen Laetare-Sonntag.

Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit
Diesen Satz hat der Jesuitenpater Willi Lampert, den ich als einen spirituellen Autor kenne, als Überschrift seines Exerzitienbüchleins gewählt. Es ist ein Satz, der Sprengkraft hat.

Viele wissen: Umarmungen sind im Leben wichtig – ob in echter oder auch geistiger Weise. Sie bilden einen Kontrapunkt zum „Ellenbogen“ in unserer Gesellschaft, wo so oft das Recht des Stärkeren angewandt wird.

Umarmungen trösten, wo Menschen von anderen verletzt wurden. Auch hier, ob körperlich oder/und vor allem geistig.

Umarmungen sind „Verbindungen“ mit dem Eigentlichen des Lebens. Dort, wo das Leben echt spürbar ist – oftmals mit seiner ganzen Zerbrechlichkeit, sind Umarmungen hilfreich und heilsam. Verletzlichkeiten und Verwundungen brauchen Umarmungen.

Das Evangelium vom „Verlorenen Sohn“ und dem „Barmherzigen Vater“ ist auch ein „Evangelium der Umarmung“.

Eine „Umarmung durch die Wirklichkeit“ des Lebens: Gott umarmt seinen heimkehrenden Sohn und damit uns in den Verletzlichkeiten des Lebens. Der Sohn „Nummer zwei“ steht für uns alle. Er geht in die Verletzlichkeit des Lebens hinein. Er sucht die Freiheit und die Abenteuer des Lebens. Er wagt es, wirklich leben zu wollen – und scheitert. Er fühlt den Schmerz der Schuld und erfährt dafür die Stärke der Umarmung Gottes, die ihn „verbindet“.

Der Sohn „Nummer eins“ ist auch ein Teil von uns. Er will sein Recht und seine Gerechtigkeit. Er ist die unbarmherzige Seite in uns. Er weiß um sein Recht und fordert es ein. Doch damit merkt er nicht, dass er unbarmherzig wird und damit auch die Liebe zum Leben verliert. Er ist weit weg von den wahren Freuden des Lebens. Ihn kann nur das äußere Glück noch befriedigen. Doch es geht um so viel!

Pater Alfred Delp SJ hat einmal geschrieben, als er im Gefängnis der Nazis in Berlin einsaß und auf seinen Tod wartete:

Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Dies gilt für alles Schöne und auch für das Elend in uns. In allem will Gott uns umarmen.

Für ihn, Alfred Delp, ist das wahre Leben immer ein Augenblick der Anwesenheit Gottes. Und Angesichts seiner Situation hat er da nicht „frommes Zeug“ geschrieben, sondern vom Leben. Seine Erfahrung ist nichts, was neben der Welt (her) existiert, sondern er erfährt die „Wirklichkeit in Reinkultur“. Er erlebt sein Schicksal nicht mehr nur äußerlich, sondern er steht in einer wirklichen Innerlichkeit. Bei ihm wird die Oberfläche des Lebens verlassen.

Ein Mensch, der sein Leben nicht mehr erträgt, wird leicht oberflächlich und verlässt die Wirklichkeit – und lebt einfach nur noch so dahin, ohne das Leben zu spüren. Er funktioniert nur noch, ohne Verbindung mit dem Leben.

Doch Gott „verbindet“ wieder mit dem Leben. Wir sind aufgefordert, uns von Gott umarmen zu lassen und selber weiter unser Leben zu umarmen. Doch das ist eine große Kunst. Gerade dort, wo ich verletzt bin – innerlich. Bei Verletzungen schotten wir uns gerne ab.

Wir müssten doch eigentlich das „Unansehnliche“ in uns umarmen. Das ist schwer. Doch nur wenn wir es annehmen und „umarmen“ können, wird es verwandelt. Es ist, wie es das Märchen vom verwunschenen Prinzen sagt: Erst als das Mädchen den Frosch küsst, den man doch am liebsten zertritt, verwandelt er sich zum Prinzen. Eine sehr tiefsinnige Erzählung. Sie sagt: Wenn ich das Tiefe und Dunkle in mir annehmen kann, ja gar „küssen“ kann, dann „löst“ sich viel in mir. Dann kann echte Erlösung beginnen – im Hier und Jetzt bereits.

Doch vorher umarmt uns Gott, so wie den zweiten Sohn heute in der Geschichte vom „Barmherzigen Vater“.

Ja, Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit. Denn nur so finden wir zum wahren Leben. Ein Leben, das immer mit unseren Schmerzen und Verletzungen von Gott getragen und, wenn nötig, verwandelt wird.

Amen.

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